Vorgestern, am Neujahrsabend, hat es geschneit. Nicht wirklich lang und viel, nach kurzer Zeit war schon wieder alles getaut. Schade eigentlich, der gnädige Schleier über dem Silvesterdreck war doch ganz schön. Als ich heute Mittag aufstand, war wieder alles weiß, aber diesmal so richtig. Zentimeterhoch lag der Schnee auf allem, die Äste der Bäume im Hinterhof bogen sich weit nach unten, in der Wohnung war es hell und die Geräusche gedämpft.
Wunderschön ist das. Ich liebe den Ausblick, ich liebe Schnee mit blauem Himmel, ich liebe es, wenn alles unter einer dicken, flauschigen, weißen Decke liegt.
Und sofort kommt die kleine alte Stimme in meinem Kopf:
Du müsstest da jetzt raus gehen. So schnell kommt das vermutlich nicht wieder, das musst du doch ausnutzen. Schnapp die Kamera, zieh dich warm an, los, ab, raus mit dir, sei nicht immer so faul und so lahm, mach doch endlich mal, du wolltest es doch, hast du selbst gesagt.
Ich will aber nicht. Nicht, weil es kalt ist – ich hab warme Stiefel mit dicker Sohle, eine wasserdichte Jacke und superschöne neue Pulswärmer. Ja, dieses warm anziehen ist aufwändig, aber hätte ich einen Grund, raus zu gehen, wär das egal. Aber vor allem will ich nicht, weil da draußen Menschen rumlaufen und weil ich immer alleine gehen muss. Weil da niemand ist, die oder den ich anrufen könnte und überreden, mit raus zu kommen. An der Elbe lang laufen, durch den Wald stapfen, den Rodelberg runter rennen rutschen, sich mit Schnee bewerfen, lachen und albern und glücklich sein. Danach gemütlich in einem Café bei heißem Kakao sitzen und spüren, wie die Füße kribbeln, wenn sie wieder warm werden. Stundenlang reden, Leute gucken, schweigen, zusammen sein.
Aber da ich das alles nicht hab, geh ich auch nicht alleine raus. Und nur weil die frische Luft bestimmt gut getan hätte, nachdem ich jetzt seit fast zwei Wochen zuhause bin und Ferien mache, muss ich trotzdem nicht raus. Sowieso muss ich überhaupt nichts. Schon gar nicht das, was „man“ so machen sollte.
(Ich klinge schon wieder wie das trotzige kleine Kind. Ich sollte diese Stimme im Kopf endlich los werden. Ich sollte endlich jemanden finden, um zusammen raus zu gehen.)
