Neben mir auf dem Fußboden stehen Schachteln voller Fotos, Briefe, Postkarten, Erinnerungsstücke. Meine Vergangenheit aus etwa vier Jahrzehnten, fest gehalten für ewig auf Papier. Einiges davon ist fein sortiert nach Jahrgängen und nach beteiligten Personen, anderes völlig durcheinander. *)
Seit ich mit der Zeitleiste angefangen habe, tauche ich immer wieder mitten hinein. Erinnere mich, denke an Ereignisse, Szenen, Menschen. Versuche, mich in all dem zu finden. Ich sehe mich auf den Bildern und weiß oft wieder, wie ich mich gefühlt habe damals. In einigen Kinder- und Jugendfotos erkenne ich schon, was mal wird. Manches ist mir peinlich (wie konnte ich nur soo lange mit diesem einen Typen zusammen sein?). Anderes macht mich traurig, weil ich mich doch so oft verloren habe, um nicht alleine zu sein.
Aber ich frage nicht mehr, was gewesen wäre, wenn ich andere Wege genommen hätte. Und zum ersten Mal bin ich versucht, einen großen Teil dieser Zeitzeugnisse wegzuwerfen. Ich habe abgeschlossen damit, ich brauche es nicht mehr. Tochter und Enkel, die als einzige nach mir kommen, sowieso nicht. Nur noch aufbewahren, was sie betrifft, dazu vielleicht eine Handvoll Fotos aus jedem Jahr, das müsste doch reichen.
Keinen Ballast hinterlassen. Nicht mehr festhalten an dem, was war und nicht mehr wieder kommt. Die Vergangenheit los lassen, die übrigen Kisten fest verschließen und in die hinterste Ecke im Keller schieben. Frieden schließen mit meinem Weg und endlich im Jetzt sein.
Ob ich das kann?
***
*) Die Tochter mag drei gewesen sein. Eines Sonntagmorgens wachte ich auf und stellte fest, dass sie mich ungewöhnlich lange hat schlafen lassen. Als ich aufstehen wollte, sah ich sie neben meinem Bett sitzen, mucksmäuschenstill. Sie hatte unter meinem Bett die Kiste mit den Fotos gefunden, die damals noch Papierfotos waren und die man vom Fotoladen zusammen mit den Negativen in diesen speziellen Hüllen bekam. Und eben die hat das Kind nun einzeln geöffnet, die Fotos rausgeholt und auf einen Stapel gelegt, dann die Negative genommen und auf einen anderen Stapel gelegt und zum Schluss die Hüllen auf einen dritten Stapel. Soweit ich mich erinnere, dürften da so 20 bis 30 Hüllen in der Schachtel gewesen sein – jetzt aufgeteilt auf 3 Stapel. Richtige Schwerstarbeit war das für so ein kleines Kind! Und stolz war sie drauf! Tja, und jetzt gibt es da eben diese Schachtel mit den unsortierten Fotos.

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